Abgründe der Kunstgeschichte beim Ausstellungsbesuch in Berlin

Um die Konstruktion und Zerstörung des Mythos vom Künstler Emil Nolde als einem „NS-Opfer“ ging es am 11. Juli in Berlin im Hamburger Bahnhof. Zehn SMARTis aus dem David Friedländer Haus in Moabit nutzten die Gelegenheit, sich mit eigenem Guide ohne Wartezeit in die Hintergründe der gefeierten Ausstellung einzuführen zu lassen.

Emil Nolde (1867-1956) galt aufgrund der Ablehnung seines Schaffens vonseiten der Nationalsozialisten, die ihn als „entarteten Künstlern“ brandmarkten und ihm ein „Berufsverbot“ auferlegten, nach dem Ende des Dritten Reiches als Opfer, das sich in die „innere Emigration“ zurückgezogen hatte. Seither galt Nolde als einer der wichtigsten Vertreter der modernen Kunst und wurde vielfach ausgezeichnet. Dass auch er überzeugter Judenhasser war, bereits 1933 NSDAP-Mitglied wurde und jahrelang erfolglos um die Gunst der rechten Machthaber gerungen hatte, wurde ignoriert.

Kunstaustellung offenbart neue Erkenntnisse

Die Ausstellung zeigt erstmals den Einfluss der Nazi-Ideologie auf sein Kunstschaffen und belegt, dass Nolde – dessen Bilder bis vor Kurzem im Büro der Bundeskanzlerin hingen – trotz seiner Verfemung bis zuletzt selbst Nazi war. Durch die Führung, während der die Kunsthistorikerin zahlreiche Fragen beantwortete, wurde deutlich, wie Noldes Lebenslauf seit 1945 abhängig von politischen und persönlichen Interessen konstruiert wurde. Dass sich die verzerrte Sicht über Jahrzehnte fortschreiben konnte und dem vermeintlichen Opfer durch Siegfried Lenz‘ Roman Deutschstunde (1968) sogar ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, stieß bei der Gruppe auf ungläubiges Staunen. Wenn eine solche „Legende“ erst 60 Jahre nach dem Tod des Künstlers ins Wanken gerät, stellen sich Fragen nach der Zuverlässigkeit anderer Geschichtsbilder, besonders mit Blick auf Heldenbiographien. Derartige Erzählungen stets kritisch zu hinterfragen war denn auch die wesentliche Lektion dieser anschaulichen und lehrreichen Exkursion.

Beim Ausklang des sommerlichen Abends auf der Terrasse des Ristorante Porta Nova am Robert-Koch-Platz wurde Pizza serviert und das Gespräch verlagerte sich auf die studentische Gegenwart.